Naturschutz

„Umweltschutz ist Heimatschutz“ ist eine gängige Formel heutiger Rechtsextremisten. Dabei verbinden Rechtsextremisten untrennbar den Schutz der Natur mit dem Schutz der Heimat vor fremden bzw. ungewollten Einflüssen. Dahinter steht der Gedanke, dass aus rechtsextremistischer Sicht ethnische Gruppen nur innerhalb ihrer Heimat, also einem begrenzten Raum existieren sollten.

Heutige Rechtsextremisten formulieren Forderungen wie: „Förderung bäuerlicher Familienbetriebe auch in benachteiligten Gebieten“, „Mensch und Natur sind keine Ware! Ethische Grundsätze haben Vorrang vor Maßnahmen der Genmanipulation“ oder „Zum Schutz der Natur zählen auch der Schutz des Tieres und der Erhalt der Artenvielfalt in der Tier- und Pflanzenwelt“.

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Siedlungsbewegung der Artamanen

Ein ökologischer Ansatz im Rechtsextremismus ist nicht neu. Eine historische Linie bilden nationalistische Ökologiebewegungen, wie beispielsweise die sogenannten Artamanen. Die Bewegung, die in den 20er Jahren der Weimarer Republik aktiv war, strebte eine Lebensweise in autarken, bäuerlichen Gemeinschaften in den östlichen deutschen Provinzen an. Dadurch sollten die dortigen polnischen Landarbeiter verdrängt, die eigene physische Robustheit gesteigert und Kenntnisse für die Besiedelung des neuen Lebensraums im Osten gesammelt werden. Obwohl die äußerst heterogene Bewegung anfangs rasch auf über 2000 Siedler anwuchs und auch später prominente NS-Größen wie Rudolf Höß (späterer Kommandant des KZ Auschwitz) oder Heinrich Himmler (Reichsführer SS ab 1929) zum Unterstützerkreis zählten, folgte Anfang der 1930er Jahre nach internen Konflikten der Niedergang.

Seit den 1990er Jahren siedeln mehrere Familien als (Neu-)Artamanen, die sich in der Tradition dieser Siedlungsbewegung junger, „völkisch“ gesinnter Städter sehen, in Mecklenburg-Vorpommern.

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Rückwärtsgewandte „Blut und Boden“- Ideologie

Im historischen Nationalsozialismus verdichtete man den Zusammenhang zwischen Umwelt und Identität zu einer völkischen „Blut und Boden“-Ideologie. Dieser Ideologie zufolge sind „rassisch“ homogene Volksgemeinschaft und Lebensraum die zentrale Lebensgrundlage. Das verherrlichte Bauerntum galt dabei als „Blutsquelle“ des deutschen Volkes. Mit dem „Generalplan Ost“ sollte nach geodeterministischen Verständnis der angeblich durch die einheimischen Völker vernachlässigte und von den Nazis eroberte „neue Lebensraum im Osten“ derart planmäßig umgestaltet werden, dass die dort angesiedelten Deutschen eine heimatliche innere Verbundenheit mit dem Raum hätten herstellen können.

Ganz allgemein ist mit dem Rechtsextremismus in nationalsozialistischer Tradition vielfach ein nostalgisch-rückwärtsgewandtes „zurück zur Natur“ verbunden. Trotz technologischer und industrieller Hochrüstung im Dritten Reich hingen zahlreiche NS-Größen dem verklärten Idealbild eines antimodernistischen, dörfisch-bäuerlich geprägten Staates nach.

Auch parteiprogrammatisch gesehen ist das Aktionsfeld Naturschutz nach der Zeit des Dritten Reiches durch Rechtsextremisten aufgenommen worden. Dies zeigt sich bereits im NPD-Programm von 1973 im Abschnitt „Volksgesundheit und Umweltschutz“. Das aktuelle Parteiprogramm „Arbeit, Familie, Vaterland“ aus dem Jahr 2010 fordert im Punkt „Landwirtschaft und Naturschutz“ beispielsweise die nationale landwirtschaftliche Selbstversorgung, ein Verbot gentechnisch veränderter Waren und den Erhalt der Artenvielfalt in der Tier- und Pflanzenwelt.

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Rechtsextreme „Öko-Kümmerer“

Das vorrangige Ziel, das Rechtsextremisten durch ihr „Engagement“ in Sachen Naturschutz verfolgen, ist ein Sympathiegewinn in der Bevölkerung. Auf Bundesebene brachte der Ende 2011 im NPD-Vorstand vollzogene Stabwechsel von Udo Voigt mit seinem „verbal-radikalen“ Auftreten an Holger Apfel und dessen sogenannten „Konzept der seriösen Radikalität“ ein aus taktischen Gründen stattfindendes bürgernäheres Auftreten und eine gemäßigter erscheinende Außendarstellung mit sich. Daraus resultierte auch eine thematische Schwerpunktverschiebung in Richtung gesellschaftspolitischer Themen wie beispielsweise die Euro-Krise oder eben auch Umweltschutz, Atomkraft und Gen-Food. Die von Grund auf rechtsextremistische Weltanschauung änderte sich jedoch nicht.

Umwelt & Aktiv

Heutzutage zeigt in Bayern die rechtsextremistische Ökologiebewegung ihr Gesicht vor allem in Gestalt der Öko-Zeitschrift Umwelt & Aktiv. Herausgeber der Publikation ist Midgard e. V.. Der rechtsextremistische Verein gründete sich Ende 2006 und hat seinen Sitz in Landshut. Im Vorstand befinden sich überwiegend Rechtsextremisten, zum Teil auch ehemalige und aktive Mitglieder der NPD. Der Vorsitzende führte sogar den NPD-Bezirksverband Niederbayern und trat bei den Landtags- und Bezirkstagswahlen im Jahr 2008 als Kandidat der NPD an. Das Magazin Umwelt & Aktiv befasst sich überwiegend mit den Themen Umwelt-, Tier- und Heimatschutz. Im Rahmen der Berichterstattungen werden dabei immer wieder die typischen rechtsextremistischen Ideologiebestandteile wie Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Diffamierung des politischen Systems deutlich. Zudem werden Begriffe aus der NS-Zeit wie „Endlösung“ und „Blut und Boden“ verwendet.

Auch im Neonazispektrum mimt man gern den „Öko-Kümmerer“: So berichtete beispielsweise die rechtsextremistische Bürgerinitiative Soziales Fürth (BiSF) auf ihrer Homepage darüber, wie vor Ort „in mühevoller Arbeit […] der Fußweg und der Spielplatz am Hallenbad gesäubert [wurden]“. Im gleichen Atemzug wird gegen die angeblich „offensichtliche Untätigkeit der Stadt“ polemisiert.

Rechtsextremisten projizieren Gesetzmäßigkeiten und Ordnungsprinzipien der Natur unreflektiert auf die Gesellschaft. Daraus entstand die Sicht des „Sozial-Darwinismus“, nach der die von Darwin beobachtete Erkenntnis der Auslese in der natürlichen Umwelt zur Auslese im Überlebenskampf der „menschlichen Rassen“ pervertiert wird. Entsprechend der Vorstellung einer Bedrohung durch Vermischung der „arisch-germanischen Rasse“ begründen Rechtsextremisten nach ihrem Gedankenkonstrukt quasi ein „Verteidigungsrecht“, welches Ausländerfeindlichkeit impliziert. So korrespondiert die Forderung nach dem Erhalt der Artenvielfalt in der Tier- und Pflanzenwelt mit der Forderung nach dem Erhalt der menschlichen „Rassenvielfalt“. In der Diktion der Rechtsextremisten verklausuliert man das regelmäßig auch zum angeblichen „Respekt vor fremden Kulturen“, der „die Vermischung und damit den Untergang der Ursprünglichkeit“ (Umwelt & Aktiv: Nr. 2/2009, S. 29) verbiete.

Die NPD hält ihr Umweltschutzverständnis folgendermaßen in ihrer Programmatik fest:

„[…] Der Mensch wird von seiner Umwelt entfremdet und entwurzelt, er verliert seine Identität.“

Die begriffliche Verquickung von Identität, Heimat als nationale Identität und Umwelt unterstellt im Sinne des sogenannten „Geodeterminismus“ eine prägende (determinierende) Wirkung der Umwelt des Menschen auf seine Identität. Von dieser Grundannahme leiten Rechtsextremisten ab, dass Ausländer, die nicht auf den deutschen Raum geprägt seien, diese Verbindung nie herstellen könnten. Darüber hinaus würden Zuwanderung und Umweltveränderung einen Verlust von Kultur und Identität der Deutschen bewirken.

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